Durch den Aufstieg chinesischer Windturbinenhersteller verschärft sich der Wettbewerb in der globalen Windenergiebranche zunehmend. Hinzu kommt eine gelockerte Haltung der Europäischen Union bei der Aufsicht über Unternehmenszusammenschlüsse. Vor diesem Hintergrund prüfen die großen europäischen Hersteller von Windenergieanlagen aktiv Möglichkeiten für Fusionen und tiefgreifende Konsolidierungen.
Nach Berichten der Financial Times evaluieren die führenden europäischen Anlagenhersteller Optionen für Fusionen und andere Formen der Unternehmenszusammenlegung. Ziel ist die Bildung größerer Industriekonzerne, um besser auf das rasante Wachstum ihrer Konkurrenten reagieren zu können.
José Manuel Entrecanales, Vorstandsvorsitzender des spanischen Infrastrukturkonzerns Acciona, zeigte sich in einem Interview mit der Financial Times zuversichtlich hinsichtlich des industriellen Potenzials Europas. Acciona ist der größte Aktionär des europäischen Windturbinenherstellers Nordex, der im Jahr 2025 der Hersteller mit dem größten installierten Onshore-Leistungsvolumen in Europa war.
„Die Größe ist ein zentraler Faktor. Unter den zahlreichen Chancen, die sich uns bieten, nimmt die Windenergie eine Schlüsselposition ein. Unserer Einschätzung nach ist eine industrielle Konsolidierung der einzige Weg, um die bestehende Größenlücke zu schließen“, betonte Entrecanales.
Henrik Andersen, Vorstandsvorsitzender des weltweit führenden Windenergieherstellers Vestas, teilt diese Einschätzung. Er unterstützt uneingeschränkt Entrecanales’ Vorstellung von der Schaffung „europäischer Champions“, weist aber zugleich darauf hin, dass die Wettbewerbsregeln an die Zeit angepasst werden müssen.
„Wenn die Vision globaler Champions umgesetzt werden soll, braucht es Ausnahmeregelungen oder neue Rechtsvorschriften“, erklärte er. In einem bildlichen Vergleich sagte er: „Wenn mich jemand zum Tanzen einlädt, bin ich gern dabei. Aber wir brauchen ein neues Musikstück.“
Bemerkenswert ist, dass veränderte Rahmenbedingungen bei der Aufsicht Hoffnung auf eine mögliche Konsolidierungswelle machen. Im April dieses Jahres veröffentlichte die Europäische Union neue Leitlinien für Unternehmenszusammenschlüsse. Im Vergleich zu früheren Regelungen werden bei der Bewertung von Transaktionen stärker Skaleneffekte im Binnenmarkt, Innovationsfähigkeit und die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten berücksichtigt.
In der Branche wird diese politische Wende als notwendiger politischer Spielraum gewertet, damit europäische Unternehmen durch Übernahmen und Fusionen wachsen und ihre Wettbewerbsstärke ausbauen können.
