Mehr als doppelt so viele Aufträge wie Vestas: Die Spitzenposition im Windgeschäft steht auf dem Spiel
Eine Reihe von Auftragsdaten aus dem August hat die Wettbewerbssituation im europäischen Onshore-Windgeschäft erneut aufgerüttelt.
In diesem Monat verkündeten sowohl Vestas als auch Nordex jeweils vier neue Aufträge – doch die Unterschiede sind gravierend: Vestas sicherte sich 530 MW, verteilt auf die USA, Deutschland, Italien und Peru. Nordex hingegen verbuchte 1.164 MW in den USA, Deutschland, der Türkei und Rumänien. Bei beiden handelt es sich ausschließlich um Onshore-Projekte. Bezogen auf das monatliche Auftragsvolumen liegt Nordex damit mehr als doppelt so hoch wie Vestas.
Dies ist keine zufällige Schwankung, sondern das Ergebnis eines zehnjährigen Aufholprozesses.
Zehn Jahre Aufholjagd: Der Abstand schrumpfte von 268 % auf 64 %
Casper Blom, Senior-Aktienanalyst bei der dänischen Danske Bank, hat die Jahresabschlussdaten beider Unternehmen ausgewertet – der Trend ist eindeutig.
Im Jahr 2016 lieferte Vestas Onshore-Turbinen mit einer Leistung von 9.654 MW aus, Nordex lediglich 2.622 MW. Der Vorsprung von Vestas belief sich auf 268 %. Nordex wirkte zu jener Zeit eher wie ein Mitläufer.
Fünf Jahre später, im Jahr 2021, lieferte Vestas 14.587 MW aus, Nordex 6.679 MW – der Vorsprung verringerte sich auf 118 %.
Bis 2025 sank der Vorsprung weiter: Vestas lieferte im Onshore-Bereich 12.560 MW, Nordex 7.663 MW, der Abstand betrug nur noch 64 %. Innerhalb von zehn Jahren hat Nordex die Differenz um mehr als drei Viertel verringert.
Die Entwicklung bei den Umsätzen folgt dem gleichen Muster. 2016 erzielte Vestas mit Onshore-Projekten einen Umsatz von 8,9 Milliarden Euro und lag damit 187 % über Nordex mit 3,1 Milliarden Euro. Bis 2025 sank der Vorsprung von Vestas im Onshore-Umsatz auf 87 % bei 12,6 Milliarden Euro.
Die Auftragsdaten für 2026 setzen diesen Trend fort. Bis August 2026 beliefen sich die bekanntgegebenen Onshore-Aufträge von Vestas auf 8.426 MW, die von Nordex auf 6.087 MW – ein Vorsprung von nur noch 38 %. Eine Zahl, die vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre.
Was hat Nordex richtig gemacht?
Aus Sicht von Casper Blom profitiert der Aufstieg von Nordex zunächst davon, dass Wettbewerber Marktanteile aufgegeben haben.
Die Installationszahlen von Siemens Gamesa und GE Vernova liegen nicht mehr auf dem früheren Niveau; beide Unternehmen haben bei ihrer Geschäftsentwicklung diszipliniertere und vorsichtigere strategische Entscheidungen getroffen. Nordex ist es besonders gut gelungen, die von Siemens Gamesa abgegebenen Marktanteile zu übernehmen.
Warum ausgerechnet Nordex und nicht Vestas diese Anteile aufgefangen hat, gibt Blom eine interessante Einschätzung: In vielen Märkten habe Vestas bereits einen sehr hohen Marktanteil, sodass weitere Wachstumsspielräume begrenzt seien. Nordex habe nach dem Rückzug von Siemens Gamesa schneller reagiert, während Vestas etwas zögerlich agiert habe.
Diese Agilität zeigt sich besonders in Schwellenländern. Blom verweist ausdrücklich auf die Türkei: Nordex sicherte sich im August einen Einzelauftrag über 525 MW in dem Land – das Ergebnis einer konsequenten Bearbeitung eher aufstrebender europäischer Märkte.
Dennoch bestehen nach wie vor Unterschiede in den Einflussbereichen beider Unternehmen. Auf dem größten europäischen Onshore-Markt, Deutschland, liegen beide nahezu gleichauf. In den USA hingegen ist Vestas nach wie vor deutlich größer als Nordex, das sich dort noch in der Expansionsphase befindet.
Vestas’ Burggraben: Das Servicegeschäft
Obwohl sich der Abstand bei den Onshore-Lieferungen verringert, bleibt ein Bereich, in dem die Stärke von Vestas unangefochten ist: der Service.
Bis Ende März 2026 betreute Vestas mehr als 56.000 Windturbinen im laufenden Betrieb mit einer Gesamtleistung von 164 GW. Im Vergleich dazu belief sich die Zahl der durch Serviceverträge abgedeckten Turbinen von Nordex bis Ende 2025 auf lediglich 13.868 Einheiten mit 48,3 GW. Vestas ist damit im Servicegeschäft mehr als dreimal so groß wie Nordex.
Dies verleiht Vestas eine deutlich stabilere Grundlage auf dem Weltmarkt. Das Servicegeschäft generiert nicht nur stabile Cashflows, sondern bildet zugleich einen Burggraben der Kundenbindung. Sobald eine Turbine ans Netz geht, sind Wartung und Betrieb über Jahrzehnte häufig an den Originalhersteller gebunden.
Medien haben Vestas die oben genannte Analyse vorgelegt, das Unternehmen lehnte jedoch eine Stellungnahme ab. Anders als Vestas und Nordex veröffentlicht Siemens Gamesa keine Einzelauftragsinformationen, sodass Veränderungen seiner Marktanteile nur schwer präzise nachverfolgt werden können.
Wandel der Marktstruktur
Von einer allein dominierenden Marktführerschaft vor zehn Jahren bis heute zu zwei gleichstarken Konkurrenten: Die Wettbewerbslandschaft im europäischen Onshore-Windgeschäft wird neu geschrieben.
Für die Turbinenhersteller bedeutet dies: Keiner kann sich auf vergangenen Marktanteilen ausruhen. Nordex hat in zehn Jahren bewiesen, dass ein Aufholen möglich ist, Vestas hat mit seinem Servicegeschäft die Grundfesten gesichert. Für Zulieferer eröffnet sich ein Fenster zur Kundendiversifizierung – das Risiko einer übermäßigen Abhängigkeit von einem einzigen Großkunden sinkt.
Doch eines bleibt unverändert: Im Wettbewerb der Onshore-Windenergie entscheiden am Ende Produktqualität, Kostenkontrolle und die Fähigkeit zu lokalem Service. Schwankungen bei den Auftragszahlen sind nur die Oberfläche; dahinter verbirgt sich ein langfristiger Wettbewerb jedes Unternehmens um strategische Weichenstellungen und Umsetzungseffizienz.
