Anfang September sorgte eine Personalnachricht in der Windenergiebranche für Aufmerksamkeit.
Siemens Gamesa hat Parisa Bardouni, ehemalige Chief Technology Officer (CTO) von Aker Solutions, offiziell zur Senior Vice President und Leiterin der Gondeltechnik ernannt. Ihr Arbeitsort ist Pamplona in Spanien.
Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Erst einen Monat zuvor hatte Siemens Energy den Quartalsbericht für das dritte Quartal des Geschäftsjahrs 2026 veröffentlicht: Der Windenergiebereich erzielte erstmals seit dem Geschäftsjahr 2022 wieder einen Quartalsgewinn – mit einem operativen Ergebnis von 56 Millionen Euro, einem Ergebnis vor Sonderposten von 75 Millionen Euro und einer Gewinnmarge von 2,7 %. CEO Christian Bruch sprach von einer herausragenden Leistung des Teams.
Die Wende zur Profitabilität verbunden mit der Neubesetzung der technischen Spitze: Dieser Schachzug von Siemens Gamesa ist offenbar mehr als nur ein einfacher Führungskräftewechsel.
Warum ausgerechnet sie?
Bardouni war ganze 20 Jahre bei Aker Solutions tätig.
Sie stieg 2006 als System- und Testingenieurin ein und durchlief Stationen als Leiterin der Unterwasserprojekttechnik, Leiterin der Unterwasserfertigung und Leiterin der Unterwassertechnikstrategie, bis sie schließlich CTO wurde und ein weltweit verteiltes Technikteam von über 250 Mitarbeitern leitete.
Ihre Fachkompetenz erstreckt sich über zwei Bereiche: Konzept- und Produktentwicklung im Offshore-Windbereich sowie die technische Integration im gesamten Lebenszyklus von EPC-Projekten (Engineering, Procurement, Construction) der Öl- und Gasindustrie.
Dieser vielseitige Hintergrund – sowohl die komplexe Systemtechnik großer Offshore-Ausrüstung als auch die gesamte Wertschöpfungskette von Erneuerbaren und traditionellen Energien – ist genau das, was Siemens Gamesa derzeit am dringendsten benötigt.
Die Gondel ist das zentralste, aber auch anfälligste Bauteil einer Windturbine. In den vergangenen Jahren hatten gondelbezogene Qualitätsmängel Siemens Gamesa Verluste in Milliardenhöhe eingebracht und das globale Offshore-Windgeschäft schwer getroffen. Die Besetzung des Postens als Leiterin der Gondeltechnik mit einer Führungskraft, die sich mit komplexer Offshore-Systemtechnik auskennt, sendet eine klare Botschaft: Die Qualitätsverteidigung soll an der technischen Wurzel aufgebaut werden.
Gewinn erzielt – aber noch lange kein Grund zum Feiern
Betrachtet man den Quartalsbericht im Detail, muss die Bedeutung dieses ersten Gewinns nach vier Jahren nüchtern eingeschätzt werden.
Die positiven Nachrichten sind real: Der Umsatz belief sich auf 2,743 Milliarden Euro, ein Plus von 13,5 % gegenüber dem Vorjahr. Die Gewinnmarge vor Sonderposten sprang von -17,5 % auf 2,7 % – eine Verbesserung um 20,2 Prozentpunkte.
Doch die Sorgen sind ebenfalls unübersehbar: Die in diesem Quartal neu abgeschlossenen Aufträge beliefen sich lediglich auf 1,05 Milliarden Euro, ein Einbruch um 78,5 % gegenüber dem Vorjahr. Das Verhältnis von Aufträgen zu Umsätzen lag bei nur 0,38, der freie Cashflow betrug weiterhin -518 Millionen Euro.
CEO Christian Bruch machte auf der Analystenkonferenz keinen Hehl daraus, dass noch viele schwierige Aufgaben bevorstehen. Europäische Offshore-Windprojekte verzögern sich weiterhin aufgrund von Strompreisen, Netzanschlüssen und Montageschiffen. Sollten die Aufträge bis 2028 nicht wieder anziehen, droht den europäischen Produktionskapazitäten ein Schrumpfungsdruck.
Siemens Gamesa befindet sich in einer kritischen Phase: Die Blutung ist gestoppt, die Genesung aber noch nicht abgeschlossen. Die Einstellung von Bardouni dient in dieser Situation nicht nur der Nachbesserung der Gondelqualität, sondern vor allem dem Aufbau technischer Führungskompetenz für die nächste Runde des Produktwettbewerbs.
Der Wettbewerb der Windturbinenhersteller kehrt zu den Grundlagen zurück
Aus der Distanz betrachtet, vollzieht sich ein subtiler Wandel im Gefüge der drei großen europäischen Windturbinenhersteller: Nordex hat den Abstand zu Vestas bei den Onshore-Lieferungen in zehn Jahren von 268 % auf 64 % verringert. Vestas sichert seine Grundfesten mit einem Servicegeschäft, das dreimal so groß ist wie das von Nordex. Und Siemens Gamesa hat nach vier Jahren Verluste mühsam zurück in die Profitabilität gefunden und versucht, mit der Kombination aus externen Technikexperten und Qualitätsreformen Fuß zu fassen.
Schwankungen bei den Auftragszahlen sind nur die Oberfläche. Was die nächste Runde der Marktstruktur wirklich bestimmen wird, sind Produktzuverlässigkeit, Lieferqualität und die Effizienz der technischen Weiterentwicklung – genau die Bereiche, in denen große Erwartungen an Bardouni gesetzt werden.
Sie wechselt aus der Welt der Meerestechnik in die Gondelhallen eines Windenergieriesen. Ob dieser Schritt Siemens Gamesa dabei hilft, das härteste Problem – die Qualität – zu lösen, wird sich vielleicht erst in ein bis zwei Jahren zeigen. Doch was das Signal betrifft: Dieser traditionsreiche, von Krisen gezeichnete Windenergiekonzern hat begonnen, die Technik ernst zu nehmen.
