Kürzlich hat DNV gemeinsam mit acht europäischen Unternehmen der Offshore-Windlieferkette einen Forschungsbericht veröffentlicht. Darin wird der seit langem unter hohen Kosten leidenden europäischen Offshore-Windbranche ein klarer Weg zur Kostensenkung vorgezeichnet: Durch branchenweite Standardisierung und industrielle Modernisierung sollen die lebenszyklusbezogenen Stromgestehungskosten der Offshore-Windenergie in der Nordsee bis 2050 um bis zu 28 % sinken.
Viele fragen sich: Bedeutet „Standardisierung“ nicht einfach die Vereinheitlichung technischer Parameter? Weit mehr als das. Bisher glich die europäische Offshore-Windenergie eher einem „maßgeschneiderten Ingenieurwesen“: Jedes Projekt erhielt eine individuell angepasste Turbinenkonstruktion, Fundamente und Netzanschlüsse mussten neu abgestimmt werden, die Bauverfahren liefen nebeneinander ohne Abstimmung – die Lieferkette konnte keine Serienbestände aufbauen, die Kapazitäten schwankten zwischen Über- und Unterlast, und die Kosten blieben natürlich auf hohem Niveau.
Die von DNV vorgeschlagene Standardisierung zielt im Kern darauf ab, die Offshore-Windenergie vom „Handwerksmodell“ zur „industriellen Serienfertigung“ zu führen. Sie deckt vier Dimensionen ab:
Erstens: Die Festlegung ausgereifter Turbinenplattformen, um projektspezifische Sonderanpassungen zu reduzieren und die Serienfertigung in der Lieferkette zu ermöglichen.
Zweitens: Planbare Projektzyklen durch stabile staatliche Ausschreibungs- und Genehmigungsfristen, damit Unternehmen Kapazitäten vorausschauend planen können.
Drittens: Vereinheitlichte Schnittstellen entlang der Lieferkette – Turbinen, Fundamente und Montageausrüstung folgen einheitlichen Standards, um Nachbesserungen vor Ort und Anpassungskosten zu senken.
Viertens: Standardisierte Abläufe bei Bau, Betrieb und Wartung, um Verschwendung, Nacharbeiten und ineffiziente Tätigkeiten zu reduzieren.
Die Studie berechnet das Kostensenkungspotenzial anhand von drei Szenarien:
Bleibt es beim bisherigen Modell mit kleinen Serien und häufigen Modelländerungen, sinken die Kosten bis 2035 nur um etwa 5 %.
Bei gleichbleibendem Marktwachstum und längeren Produktionszyklen der Turbinenplattformen vergrößert sich die Senkung bis 2035 auf 14 %, bis 2050 auf 25 %.
In einem Szenario mit kontinuierlich wachsender Installationsleistung und stabilen Projektzyklen liegt die Senkung bis 2035 bei etwa 19 % und erreicht bis 2050 bis zu 28 %.
Als Referenzgrundlage dient eine 15-MW-Monopile-Turbine. Die Studie stellt jedoch ausdrücklich klar, dass dies nicht die optimale Branchenleistung darstellt und der künftigen technischen Weiterentwicklung der Turbinen keine Grenzen gesetzt werden.
Der Hauptanteil der Kostensenkung entfällt auf die Investitionsseite. Den größten Beitrag leisten dabei sinkende Kosten bei Turbinenbeschaffung und Projektentwicklung, ergänzt durch geringere Ausgaben für Montage und Fundamentbau. Zugleich erhöhen stabile Konstruktionsplattformen die Anlagenzuverlässigkeit und den Stromertrag; kürzere Bauzeiten ermöglichen einen früheren Netzanschluss und damit einen früheren Ertragsbeginn.
Der Bericht benennt auch das zentrale Problem der Branche: Die bestehenden europäischen Kapazitäten reichen kurzfristig aus, um die Nachfrage nach 15-MW-Turbinen zu decken. Das dringendste Risiko ist jedoch eine unzureichende Kapazitätsauslastung. Die Projekte kommen stockend voran, Lieferanten zögern mit Kapazitätserweiterungen – und wenn die Nachfrage dann konzentriert freigesetzt wird, können sie nur schwer schnell reagieren. Sobald ein Szenario mit hohem Installationswachstum eintritt, werden zudem Häfen und Montagekapazitäten zu neuen Engpässen.
Als Handlungsempfehlung nennt der Bericht klare Maßnahmen: Auf Regierungsebene müssen Windenergieziele in stabile Ausschreibungspläne und Projektzeitpläne umgesetzt werden, um der Branche langfristige Planungssicherheit zu geben. Entwickler und Turbinenhersteller sollten sich frühzeitig auf einheitliche Konstruktionsschnittstellen verständigen. Lieferanten sollten sich zunächst auf die Beseitigung von Engpässen bei Häfen und Montage konzentrieren, bevor sie großangelegte Kapazitätserweiterungen angehen.
Letztendlich sind die hohen Kosten der europäischen Offshore-Windenergie nicht nur ein technisches Problem, sondern zu einem großen Teil Effizienzverluste durch eine fragmentierte Lieferkette. Ein Kostensenkungspotenzial von 28 % ist nicht unerreichbar – Voraussetzung ist jedoch, dass die gesamte Branche vom isolierten Vorgehen zu standardisierter Zusammenarbeit übergeht und die Skaleneffizienz einer ausgereiften Industrie endlich freisetzt.
