Am 16. September 2026 gaben Vineyard Wind und GE Vernova gemeinsam bekannt, dass sie eine gütliche Einigung erzielt haben und alle anhängigen Rechtsstreitigkeiten rund um das erste große Offshore-Windprojekt der Vereinigten Staaten beenden. GE Vernova hat die Kündigung des Vertrags zurückgenommen, beide Seiten ziehen ihre gegenseitigen Rechtsansprüche zurück. Die Bedingungen der Einigung bleiben vertraulich.
Hinter diesem Streit standen eine Kettenreaktion, ausgelöst durch den Bruch eines Rotorblatts, sowie die Höhen und Tiefen des wegweisenden amerikanischen Offshore-Windprojekts über mehr als zwei Jahre.
Der Beginn: Eine wegweisende Großbestellung durch starke Partner
Vineyard Wind 1 ist das erste wirklich große kommerzielle Offshore-Windkraftwerk der USA und gilt als Vorzeigeprojekt der amerikanischen Offshore-Windenergie. Das Projekt liegt etwa 15 Seemeilen südlich von Martha’s Vineyard im Bundesstaat Massachusetts, hat eine installierte Gesamtleistung von 806 MW und ist mit 62 riesigen GE-Vernova-Haliade-X-13-MW-Windkraftanlagen ausgestattet. Die Gesamtinvestition beläuft sich auf 4,5 Milliarden US-Dollar.
GE Vernova war zu dieser Zeit sehr erfolgreich und sicherte sich mit dieser Vorzeigeanlage einen Großauftrag im Wert von 1,3 Milliarden US-Dollar für die Lieferung der Anlagen sowie Wartungsleistungen. Für alle Beteiligten war dies eine perfekte Zusammenarbeit zweier starker Partner: Der Projektträger erzielte Erfolge bei der Umsetzung des Projekts, GE erschloss sich den amerikanischen Offshore-Windmarkt – eine klare Win-win-Situation.
Im Jahr 2023 begannen die Montagearbeiten reibungslos, alles deutete auf eine termingerechte Inbetriebnahme und Rentabilität hin. Niemand ahnte, dass ein plötzlicher Zwischenfall alles zunichtemachen würde.
Der Zwischenfall: Ein schwerer Unfall aufgrund von Qualitätsmängeln
Am 13. Juli 2024 ereignete sich ein schwerer Unfall auf dem Projekt: Das Rotorblatt einer Haliade-X-13-MW-Anlage brach in der Luft und stürzte in den Atlantik. Trümmer verschmutzten den Strandbereich von Nantucket und alarmierten unmittelbar die Aufsichtsbehörden. Die Behörden ordneten umgehend eine vollständige Einstellung der Arbeiten an, die ein halbes Jahr andauerte.
Nachfolgende Untersuchungen bestätigten, dass die Ursache allein in Herstellungsfehlern von GE Vernova lag. Von den 72 bereits installierten Rotorblättern derselben Charge wiesen 68 gleiche Mängel auf. GE Vernova musste alle Blätter auf eigene Kosten austauschen, was enorme zusätzliche Kosten verursachte. Zudem zahlte das Unternehmen 10,5 Millionen US-Dollar Entschädigung für Umweltschäden an die örtliche Gemeinde.
Das zentrale Problem blieb jedoch ungelöst: GE Vernova entschädigte nur die lokalen Schäden, leistete aber keine Zahlungen für die hohen Bau- und Zeitverluste von Vineyard Wind. Daraufhin brach die Zusammenarbeit vollständig zusammen.
Der Konflikt: Einbehalt von Zahlungen und Vertragskündigung verschärfen den Streit
Nach dem Unfall ermittelte der Projektträger Gesamtschäden von über 850 Millionen US-Dollar und stellte Forderungen an GE Vernova. Da Verhandlungen scheiterten, behielt der Träger gemäß Vertrag fast 360 Millionen US-Dollar der Schlusszahlung ein, um seine Verluste auszugleichen.
GE Vernova erkannte die hohen Schadenersatzforderungen nicht an und bezeichnete diese als überzogen. Nach mehr als einem Jahr Patt kam es zum Bruch: Am 27. Februar 2026 übermittelte GE Vernova eine Kündigungserklärung. Mit der Begründung, Zahlungen vorenthalten bekommen zu haben, kündigte das Unternehmen alle Wartungs- und Lieferleistungen an und plante den vollständigen Abzug seiner Mitarbeiter.
Dieser Schritt traf das Projekt an seiner empfindlichsten Stelle: Die Haliade-Anlagen basieren auf exklusiver Technologie, keine Drittfirma kann die Wartung übernehmen. Zog GE Vernova seine Mitarbeiter ab, würde der gesamte Windpark unbrauchbar werden und das Projekt scheitern.
Der Rechtsstreit: Zwei verlorene Gerichtsverfahren, GE Vernova kämpft weiter
Um das Projekt zu retten, reichte Vineyard Wind am 8. April 2026 eine Klage am Obergericht des Suffolk County in Massachusetts ein. Die zentrale Forderung: Das Gericht soll die Kündigung von GE Vernova für unwirksam erklären und eine einstweilige Verfügung zur Fortführung der Vertragserfüllung erlassen.
Die Argumentation des Projektentwicklers war überzeugend und wurde später vom Richter übernommen: Alle 62 Anlagen waren installiert (die letzte wurde im März 2026 montiert), erzeugten aber weniger als die Hälfte der Nennleistung und erreichten nicht das wirtschaftlich tragfähige Niveau für die Stromlieferung. Die Anlagen basieren auf einer exklusiven Konstruktion von GE Vernova; nur GE Vernova besitzt das technische Know-how für Inbetriebnahme, Störungsbeseitigung und das Freischalten von Parametern.
Der Richter fasste es treffend zusammen: Die Vorstellung, Vineyard Wind könne ohne das Fachwissen von GE Vernova Dritte finden, um die exklusive Konstruktion von GE Vernova fertigzustellen, zu reparieren und anzupassen – sei reine Fantasie.
Am 17. April 2026 entschied das Gericht erster Instanz zugunsten von Vineyard Wind und verpflichtete GE Vernova, vor Ort weiter seine vertraglichen Pflichten zu erfüllen. GE Vernova legte Berufung ein. Am 1. Juni wies das Berufungsgericht die Forderungen von GE Vernova erneut ab und wandelte die einstweilige Verfügung in eine dauerhafte Verfügung um. GE Vernova wurde ausdrücklich angewiesen, dauerhaft technische Werkswartung bereitzustellen und sich nicht ohne Genehmigung zurückzuziehen.
Trotz zweier verlorener Verfahren und der gerichtlichen Pflicht zur Vertragserfüllung gab GE Vernova nicht nach und reichte erneut Berufung ein. Das Unternehmen kämpfte weiter, um die einbehaltene Schlusszahlung zurückzuerhalten und von den vertraglichen Pflichten befreit zu werden.
Einigung erzielt: Die Lehren der Branche aus diesem Streit
Am 16. September 2026 einigten sich beide Seiten schließlich. GE Vernova nahm die Kündigung zurück, beide Seiten zogen alle Rechtsansprüche zurück und treiben das Projekt weiter voran. Die Bedingungen der Einigung bleiben vertraulich; die Öffentlichkeit weiß nicht, welche Kompromisse bei Kosten und Entschädigungen vereinbart wurden.
Von einem gebrochenen Rotorblatt bis zum Gerichtsverfahren zeigt dieser mehr als zweijährige Streit eine wichtige Erkenntnis: Je größer die Windkraftanlagen werden, desto unnachgiebiger muss man auf Fertigungsqualität und Zuverlässigkeit der Ausrüstung achten.
